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Aktualisiert am 19.08.2019

Dienstag, 22. April 2003

Mit Elan und purer Lebensfreude
Musikverein Röllfeld präsentierte Blasmusik mit Bravour - Wirksame Medleys

Klingenberg-Röllfeld. »Dicke-Backen-Musik« wurde Blasmusik lange genannt. Dieses Etikett stimmt schon lange nicht mehr, und genau deshalb wirken viele Blasorchester im Landkreis Miltenberg so, als hätten sie eine Verjüngungskur hinter sich. Das ist in Röllfeld nicht anders - ganz im Gegenteil! Unter der einfühlsamen Leitung von Thomas Schmitz hat sich im Musikverein ein Ensemble zusammengefunden, bei dessen Auftritten sich die Freude am gemeinsamen Musizieren und eine erstaunliche Harmonie paaren. Das war auch am Sonntagabend nicht anders, als die Musiker zu ihrem Osterkonzert in die Jakob-Hemmelrath-Halle einluden. Zu Beginn begrüßte Thomas Grein, der unterhaltsam durch den Abend führte, vier junge Frauen, die seit dem letzten Auftritt, das Ensemble verstärken. Und dann startete das zweistündige Programm, das immer wieder lebhaften Beifall bei den Zuhörern provozierte, ein Programm, das auch von der informativen und kurzweiligen Moderation Greins profitierte.
Im Zentrum natürlich: Die Musiker, die präzise von Thomas Schmitz dirigiert wurden. Das Zusammenspiel zwischen Dirigent und Musikern ist offensichtlich von gegenseitigem Vertrauen geprägt, die Musiker aus Röllfeld haben eine Harmonie erreicht, die das Zuhören von Anfang an zum Vergnügen macht. Das zeigte sich schon beim kraftvollen Beginn des Marsches »Arsenal« und in der ganz typischen Aufnahme des Themas in allen Instrumentengruppen, wodurch- ein transparentes Klangbild entstand. Kastagnetten entführten bei Emil Waldteufels Walzer »Espana« ans Mittelmeer, in einer Komposition, die Temperament und Spielfreude des Orchesters besonders gut zur Geltung brachte.
Dynamischer Dialog
Nach dem dynamischen Dialog der Instrumente in Brahms' »Ungarischem Tanz No. 5« waren zwei Höhepunkte moderner Blasmusik zu hören, beide mit allen Schönheiten eindrucksvoller Programmmusik: Jan De Haans »A Discovery Fantasy« präsentierte eine Zeitreise durch drei Jahrhunderte, einen Bolero des frühen 20. Jahrhunderts, ein festliches Rondeau des 17. Jahrhunderts und ein verspielt-romantisches Intermezzo. Kees Vlaks »The New Village« gehört längst zu den Highlights orchestraler Blasorchester. Diese Komposition spiegelt in Tönen die Entstehung eines Dorfes, den Aufbau, viele Rückschläge und immer wieder den unzerstörbaren Mut zum Wiederaufbau. Das Chaos des Anfangs, rhythmisierende Ordnung und kraftvolles Anpacken wurde von den Röllfeldern souverän interpretiert, wobei sie unter der Stabführung von Schmitz ihre große Stärke ausspielen konnten: die sicheren Einsätze, die präzisen und reibungslosen Übergänge. Diese Vorzüge prägten auch den zweiten Teil, der besonders spektakulär war. Eine Fülle von Medleys setzte auf den Wiedererkennungseffekt beim Publikum und auf die Wirksamkeit populärer Melodien - eine Rechnung, die ganz offensichtlich voll aufging. Von »Go down, Moses« über »Kumbaja« zu »He's got the whole world« erklangen mit schönen Tempi- und Dynamikwechseln die »Spiritual Moments des Dizzy Stratford«. Eine »Rock'n Roll Explosion« präsentierte den Elvis-Hüftschwung im »Jailhouse-Rock«, das Tempo von »Hello, Mary Lou« und »Rock around the clock«, ein stimmungsvolles Trompetensolo gestaltete »Blueberry Hill« aus und »Your hand on my shoulder« wirkte mit einem gefühlvollen Saxofon-Solo besonders überzeugend.
»Die Tiere der Savanne erobern die Hemmelrath-Halle«, prophezeite Grein, als das Medley der Elton-John- Komposition der Walt-Disney-Produktion »Der König der Löwen« erklang, von einem »leibhaftigen« Löwen unterstützt. Sicher und sauber gespielt, dennoch wohl nicht für jeden. Beatles-Fan so ganz überzeugend: »The Best of Beatles«. Ob »With a little help of my friends«, »Please, please me«, »When I'm sixtyfour«, »Let it be« oder »Yesterday« wirklich ideale Themen und Vorlagen für Blasorchester sind? Auch die Interpretation von Beatles-Rennem durch Symphonieorchester hatte schließlich vor vielen Jahren schon die Meinungen geteilt. Ohne Zweifel gelungen waren dagegen der »Florentiner Marsch« mit seinem schönen Trompetensolo und die beiden Zugaben »Radetzkymarsch« und »Feuerwehrpolka« - letztere szenisch ausgestaltet durch die Jugendfeuerwehr Röllfeld. Über die spielerischen Einlagen mag so mancher Blasmusikpurist geteilter Meinung gewesen sein, über die Qualität des Blasmusikorchesters aus Röllfeld unter Thomas Schmitz dagegen kann es nur eine Meinung geben: ein Vergnügen!

Heinz Linduschka