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Aktualisiert am 19.08.2019

Dienstag, 29. Maerz 2005

Mit Temperament, Virtuosität und Rhythmus
Abwechslungsreiches Konzert des Röllfelder Musikvereins in der Jakob-Hemmelrath-Halle - Viel Spielfreude

KLINGENBERG-RÖLLFELD, Ob das Zitat ursprünglich von Berthold Auerbach oder von Pablo Picasso stammt, ist umstritten, dass es stimmt, ist sicher: »Musik spült den Staub des Alltags von der Seele« lautet es und die Besucher des Osterkonzerts des Musikvereins Röllfeld in der Jakob-Hemmelrath-Halle stimmten ihm am Sonntagabend mit ihrem euphorischen Beifall nach gut zwei Stunden unisono zu.
Die 38 Musiker aus Röllfeld, darunter acht junge Frauen, hatten den Zuhörern unter der sicheren und gelassenen Stabführung von Thomas Schmitz Highlights der Blasmusik geschenkt - eine abwechslungsreiche Mischung aus traditioneller Literatur, wunderschöner Programmmusik und abgerundeten Medleys. Dass sich niemand langweilte, lag sicher auch an der informativen und humorvollen Moderation von Thomas Grein, der wertvolle Tipps zum Verständnis der Titel mit unterhaltsamen Gedichten und Texten mischte. Im Zentrum: die Musik. Mit ruhiger, sanfter Feierlichkeit begann Brossés »Music for a celebration«, um schnell in strahlend-temperamentvolle Klänge zu münden. Anschauliche Programmmusik gab es dann bei Ketelbeys »Auf einem persischen Markt«. Kamele, Bettlerscharen, Gaukler, eine schöne Prinzessin und ein Ehrfurcht gebietender Kalif bevölkerten Markt und Musik. Der Nachwuchs des Musikvereins erleichterte es in fantasievollen Kostümen vor der Bühne den Zuschauern, sich die musikalischen Bilder konkret vorzustellen.

Solistische Qualitäten
Zwei virtuose Soli standen im Zentrum von Schostakovichs »Second Waltz«, dem Satz aus der beschwingten, frischen Jazz-Suite von 1938, bei der Tobias Schwarzer auf dem Altsaxofon und Christoph Becker auf der Posaune die Gelegenheit hatten, ihre solistischen Qualitäten eindrucksvoll zu beweisen.
Ein Höhepunkt im Programm: wie fünf Saxofonisten des Musikvereins drei Comedian-Harmonists-Renner leicht verjazzt und höchst unterhaltsam interpretierten. So schlüssig hat man das »Wochenend und Sonnenschein«, das »Veronika, der Lenz ist da« und den »Kleinen, grünen Kaktus« selten einmal gehört. Ein schönes Tongemälde folgte vor der Pause: Jacob de Haan zeichnet in seinem »Ross Roy« das Leben in einer australischen Schule einfühlsam nach. Dem Beginn mit Pauken und Trompeten folgen Momente schöner Fröhlichkeit, Aspekte fruchtbarer Disziplin und erkennbare Einflüsse multikulturellen Schullebens - alles dargestellt durch Töne, die vom Musikverein eindrucksvoll, äußerst präzise und stimmungsvoll dargeboten wurden. Dizzy Stratfords »Glasnost« bot eine Kombination aus harmonischem Fingerspitzengefühl und schwungvoller Energie. Mitreißend, ja begeisternd interpretiert: das Musical-Medley »Mamma Mia«. Viele Hits - von »Money Money« über »Dancing Queen« bis zu »Waterloo« - erklangen in idealem Arrangement mit weichen Übergängen und ohne jeden Bruch. Ähnliches Lob verdiente auch das Arrangement aus »Winnetou«-Filmmelodien. In Martin Böttchers Kompositionen sah man vor dem geistigen Auge Pierre Brice und Lex Barker über die Steppe galoppieren.
»Tijuana Taxi«, »Spanish Flea« und »A taste of honey« - drei von zahlreichen Herb-Alpert-Titeln, die von den Röllfelder Musikern ebenfalls in einem Medley präsentiert wurden. Vielleicht nur ein subjektiver Eindruck: Alperts Hits sind nicht unbedingt ideal für Blasorchester geeignet - jedenfalls nicht im Arrangement von Steve McMillan. Am Ende kamen die Blasmusik-Traditionalisten zu ihrem Recht: Schmissig, dennoch transparent und virtuos erklang Fischers Marsch »Die Sonne geht auf« als erste Zugabe, dann »Zum Städele hinaus«.

Sinn für Späße
Dass der Röllfelder Musikverein viel Sinn für musikalische Späße, Spielfreude und Rhythmus hat, bewies die letzte Zugabe, der »St. Louis Blues«. 85 Jahre alt wird der Musikverein heuer, alt ist er nicht - im Gegenteil: Er ist taufrisch und lebendig!

Heinz Linduschka